Mit Headsets und vor Monitoren reagieren die Disponenten in der Leitstelle der VZO im Sekundentakt auf Störungen und verhindern Chaos. Ganz unbemerkt und ohne Applaus.
Konzentriert beobachten Ale Honegger und Martin Rieder die Monitore vor sich. Die beiden tragen Headsets und sitzen an ihren Computern vor jeweils neun Bildschirmen. Blitzschnell gleiten ihre Augen von einer Anzeige zur anderen, ihren geübten Blicken scheint nichts zu entgehen.
Dauernd piept und läutet es. Alarmanzeigen, Lämpchen und Signale blinken um die Wette. Wir befinden uns weder in einer Notfallzentrale noch an der Börse. Sondern in der Leitstelle der VZO in Grüningen.
Vom passiven Beobachter zum «Tätschmeister»
«Bei uns laufen alle Fäden zusammen», erklärt Jean-Marc Balcon, Leiter der Leitstelle. «Unser Team steht täglich über 15 Stunden im Einsatz, um einen reibungslosen Betrieb unserer insgesamt 105 Busse auf 64 Linien sicherzustellen.»
Er vergleicht die Arbeit der Disponenten mit einem funktionierenden Immunsystem: «Wenn alles einwandfrei rollt, sind sie passive Beobachter.» Ähnlich unseren Abwehrkräften greifen sie ein, sobald Probleme auftreten. Und helfen, den Verkehr wieder in geordnete Bahnen zu lenken.
Mittlerweile ist es 17 Uhr – die Rushhour ist in vollem Gang. Honegger und Rieder «hauen» in die Tasten ihres Computers, schreiben Meldungen und klicken sich durch verschiedene Fahrpläne. Gleichzeitig sprechen sie über ihre Headsets mit Buschauffeuren. Diese sind alle mit dem Leitsystem gekoppelt und können mittels Funk erreicht werden. Nach Dienstschluss der Leitstelle um 20 Uhr erfolgt die Kommunikation via Telefonleitung – dann werden die Rufe an jenen Disponenten umgeleitet, der Pikettdienst hat.
Nach nur kurzer Beobachtungszeit wird klar: Wer hier arbeitet, braucht gute Nerven. «Heute ist es allerdings eher ruhig», relativiert Ale Honegger diese Einschätzung.
Trotzdem bleibt keine Zeit zum Verschnaufen. «Dispo-Bus, machst du mir um Viertel vor eine Runde auf der 816-Linie?», fragt sie Sekunden später einen der Buschauffeure. «816, du musst nicht fahren, kannst auf den Pausenplatz», entwarnt sie kurz darauf einen anderen Fahrer. Er stand im Stau und hätte die Verspätung nicht mehr aufholen können. Deshalb kommt ein Dispo-Bus zum Einsatz.
Martin Rieder ist gerade daran, den verspäteten Bus, der eine Runde aussetzt, aus der Fahrplan-App zu löschen – sobald der Dispo-Bus sich für die Strecke angemeldet hat, erscheint er auf dem Fahrplan. Das passiert so schnell, dass die Fahrgäste es kaum bemerken. «Wir können die Zeit anhalten», sagt Rieder augenzwinkernd.
Der Dispo-Bus als des Rätsels Lösung
Was passiert eigentlich, wenn ein Bus Verspätung hat? Verschiebt sich dann der ganze Fahrplan des restlichen Tags nach hinten? Die VZO haben einen Trick, um das zu verhindern. An mehreren Standorten im Oberland stehen nämlich sogenannte Dispo-Busse einsatzbereit. Der Fahrer eines Dispo-Busses hat keinen Auftrag, sondern übernimmt immer gerade dort eine Strecke, wo es zeitlich eng wird. Der ursprünglich verspätete Bus setzt dann für eine Runde auf einem Pausenplatz aus. Um dann seine nächste Strecke wieder pünktlich in Angriff nehmen zu können.
Vielfalt ist Trumpf bei den Mitarbeitern
Neben diesem Jonglieren mit der Zeit setzt man bei den VZO gemäss Balcon auch auf Abwechslung. «Unsere Chauffeure fahren während ihres Diensts immer unterschiedliche Kurse», erklärt er. «Mal eine lange, mal eine kurze Linie und dann wieder einen Rundkurs.» Das mache zwar die Planung der Dienste und Strecken komplizierter. «Aber unsere Busfahrer lieben diese Vielfalt», erklärt der Leitstellenleiter. Im städtischen ÖV würden Bus- und Tramchauffeure meist den ganzen Dienstteil über dieselbe Strecke fahren. «Das kann, gerade bei Kurzstrecken, eintönig sein.» Der Chef der Leitstelle weiss, wovon er spricht, war er doch bis vor Kurzem als Disponent für die Stadt Zürich tätig und fuhr da auch mit Tram und Bus.
Seit Anfang Jahr arbeitet er nun beim Oberländer ÖV, wo ihm nicht zuletzt die übersichtliche Firmengrösse gefällt. Dadurch seien die meisten der Mitarbeiter Generalisten, die hocheffizient und doch nahe zusammen arbeiteten. «Die Ansätze sind pragmatisch, die Leute bodenständig – genau das macht es spannend.»
Bei den VZO übernehmen auch die Disponenten regelmässig Dienste hinter dem Steuer. Das ist gemäss Balcon elementar für die Qualität der Arbeit: «Nur wenn unsere Disponenten diese Erfahrung teilen, können wir sicherstellen, dass sie auch in hektischen Zeiten gelassen reagieren und sich unsere Chauffeure verstanden fühlen.»
Das Aatal wird zur Herausforderung
Zurück ans Disponentenpult, wo gerade eine Hiobsbotschaft eingegangen ist: Wegen eines schweren Verkehrsunfalls ist das Aatal gesperrt. Ale Honegger macht sofort eine Textnachricht in die Mitarbeiter-App und gibt die Umleitung bekannt.
Es führt zwar keine Busstrecke durchs Aatal. Allerdings: «Sogenannte Leerfahrten, wenn ein Bus beispielsweise vom Bahnhof Uster an den Bahnhof Wetzikon gebracht werden muss, führen häufig durchs Aatal», erklärt Jean-Marc Balcon. Betroffen seien auch Chauffeure, die mit dem Dienstfahrzeug zur Busübergabe fahren würden. Die beiden Disponenten bestätigen, dass momentan einige von ihnen im Stau stecken.
Kaum ist die Information reingekommen, nimmt Ale Honegger schon eine Ansage für die Fahrgäste auf, in der sie im Raum Uster und Wetzikon auf mögliche Verspätungen hinweist. Diese werden regelmässig in den Bussen abgespielt. Ihr Kollege Martin Rieder ist indes daran, die Digitalanzeige an den Haltestellen um diese Meldung zu ergänzen. «Es ist ganz leicht: zuverlässig bleiben und informieren», sagt er.
Die beiden Disponenten sind ein eingespieltes Team, ohne viele Worte scheinen sie sich perfekt zu ergänzen. Rieder macht diesen Job seit etwas über einem Jahr, Honegger seit gut zwei Jahren. Er schätzt die Vielseitigkeit und die Tatsache, dass man «nie weiss, was kommt». Auch sie mag es, wenn es «räblet», und ergänzt: «Wir beide lieben es, unseren Kolleginnen und Kollegen da draussen zu helfen.»
Mit Feuereifer sind die beiden daran, zu planen und zu organisieren. Denn leuchteten auf ihren Bildschirmen um 16 Uhr die Linien noch grün, waren also pünktlich, ist nun ein grosser Teil rot bis violett eingefärbt – verspätet. Sie beratschlagen sich, besprechen verschiedene Lösungsszenarien, um sie kurz darauf wieder zu verwerfen und neue Pläne zu schmieden. «Wir müssen immer zwei, drei Schritte vorausschauen», erklärt Rieder.
Mit glühenden Wangen sind die Disponenten bei der Arbeit. «Es ist ein strukturiertes Chaos», beschreibt Jean-Marc Balcon die Situation. Wenn ein Zug ausfalle und die VZO Ersatzbusse stellten, spitze sich die Situation zu. «Oder bei starkem Schneefall», sagt Balcon, «dann sind allerdings vier oder fünf Personen auf der Leitstelle, und es hängt ein ‹Zutritt verboten›-Schild an der Tür.»
Wegen der Vollsperrung im Aatal sind die Verspätungen inzwischen derart gross, dass auch die letzten Alternativen nicht mehr weiterhelfen. Kurzentschlossen nimmt Ale Honegger ihre Jacke und setzt sich selbst hinters Steuer. Mit dem Dienstfahrzeug fährt sie nach Oetwil, übernimmt dort den Bus und fährt Richtung Wetzikon, dem immer noch im Stau steckenden Buschauffeur entgegen. «Dann nehme ich dort sein Dienstfahrzeug und fahre wieder zurück – damit die Frühschicht morgen wieder ein Dienstfahrzeug hat.» Immer drei Schritte vorausdenken eben.
Ihren Platz vor den Bildschirmen übernimmt in dieser Zeit umgehend der Leitstellenleiter persönlich. Er setzt das Headset auf und stellt sich auf spontane Überstunden ein – ganz im Sinn seiner Philosophie: hocheffizient und doch nahe zusammen.
Quelle: Zürcher Oberland Medien / Simon Grässle